Auf dem Alten Friedhof

Die Erfolgsgeschichte der Mainz Athletics – eine Hälfte von ihr – beginnt in Gonsenheim auf dem Alten Friedhof. Der ist längst aufgehoben; 1961 wurde er in eine Parkanlage umgewandelt: Ein Springbrünnchen am einen Ende, ein Kinderspielplatz am anderen. Nur ein Steinmetz mit Grabsteinen im Hof und eine Kreuzigungsgruppe, versteckt im Schatten zwischen den Bäumen, künden von der alten Bedeutung. Vor der Passionsskulptur steht ein einsames kleines Schaukelmotorrad zwischen einem Beachvolleyballfeld und einer Wiese. Auf der trafen sich 1986 ein paar junge Leute, unter ihnen die Wiedmaier-Brüder Arndt und Marc und die Wirth-Brüder Rolf und Axel, um so etwas Ähnliches wie Baseball zu spielen.

Nationalität
ger GER
Position
First base
Alter
48
B/T
R/L
Vorherige Vereine
„Wir haben in der Nähe der amerikanischen Siedlung in der Finther Landstraße gewohnt“, erklärt Arndt Wiedmaier. Die war keine reine Soldatensiedlung, sondern ein Quartier für die höheren Ränge und ihre Familien. „Dort hatte ich ein paar Freunde, die allerdings nichts mit Baseball zu tun hatten. Irgendwann hatte ich aber den ersten Handschuh in der Hand, wir haben Bälle und Schläger bekommen und auf der Wiese am Alten Friedhof mit sechs oder sieben Leuten gespielt.“ Die Jungs kannten die Regeln nur rudimentär, benutzten ein paar alte Kissen als improvisierte Bases und legten einfach los.

Wie Baseball wirklich geht, lernten sie ein Jahr darauf an der Sandflora bei einem Little-League-Turnier. „Das war in den Schulferien“, erinnert sich Arndt Wiedmaier. „Wir fanden das total geil und haben eine ganze Woche lang dort zugesehen.“ Bei diesem Turnier lernten die Baseballer vom Alten Friedhof Frank Helleken kennen.

Die Mainz Rangers

Der hatte 1984 beim Schüleraustausch in Pennsylvania ein Baseball-Regelbuch quasi auswendig gelernt. Zurück in Mainz musste sich Helleken durch die Instanzen der hier stationierten US-Armee fragen, ehe er auf den Army-Logistiker Cotto Pérez stieß, der just dort, wo heute das neue Baseballstadion der Athletics steht, sein Büro hatte und den Besucher an seinen Sohn verwies. Lenny Cotto Pérez, Sohn eines Puertoricaners und einer Deutschen, und Derek Maak, ein in den USA geborener und aufgewachsener Deutscher, spielten für die Mainz Rangers und holten Helleken und seinen Kumpel Michael Lange ins Training.

Nationalität
ger GER
Position
Outfield
Alter
51
B/T
R/R
Vorherige Vereine
Die Rangers waren das Baseballteam der in Mainz stationierten US-Soldaten und spielten an der Sandflora in der German American League, einem Zusammenschluss weiterer im Militär verwurzelter Mannschaften, der sich über Gießen, Darmstadt, Mannheim, Ansbach und Bamberg bis nach München erstreckte. Die Liga hatte nichts mit dem Deutschen Baseball- und Softballverband (DBV) zu tun – ein heftiger interner Streit bei den Mannheim Tornados zwischen den dortigen Baseball-Pionierfamilien Helmig und Jäger über die Bedeutung der amerikanischen Spieler hatte nicht nur dort zur Abspaltung der Mannheim Amigos geführt, sondern auch zur strikten Trennung der Ligen: Der DBV zwang die Baseballer in Deutschland, sich für einen Verband zu entscheiden.

Das war in Mainz einfach, weil es hier keinen DBV-Verein gab. Bei den Rangers spielten spätere A’s-Bundesligaakteure wie Bill Dickman, Ángel Vázquez, Rick Serrano, Rafael Merced. Zwei Deutsche pro Team forderten die Spielregeln der Liga, das waren bei den Rangers Maak und Cotto Pérez, dann Helleken und Lange, später die Gruppe um die Wiedmaier- und Wirth-Brüder. Zu viele Deutsche, die in der Regel wesentlich schlechter spielten als die Amerikaner, die mit dem Baseball aufgewachsen waren, teilweise sogar eine gewisse Profierfahrung hatten. Die Einheimischen durften daher mittrainieren, aber kaum spielen.

Die Gründung der Athletics

1988 entstand unter dem Dach der Rangers eine erste weitgehend deutsche Baseballmannschaft, die 1989 ihre ersten Spiele bei der in Turnierform ausgetragenen Landesliga Hessen machte. Im November 1989 spaltete sich diese Mannschaft ab, um unter dem neuen Namen „Mainz Athletics“ in den DBV-Spielbetrieb zu wechseln. „Der Name wurde gewählt, weil die Jungs, die den Verein gegründet haben, unterschiedliche Lieblingsteams hatten, aber keiner hatte die Oakland Athletics“, erklärt Ulli Wermuth. „Man hat sich demokratisch auf deren Namen geeinigt, damit niemand beleidigt ist.“

Nationalität
ger GER
Position
Outfield
Alter
50
B/T
R/R
Größe
177
Gewicht
75
Vorherige Vereine
Eine gewisse Rivalität herrschte anfangs zwischen den beiden Mainzer Teams. So waren die jungen Athletics eifersüchtig, als der damals 15-jährige Rangers-Spieler Martin Wermuth von der Mainzer Rhein-Zeitung als kommender Profi gehypt wurde. Gleichzeitig warben die A’s den Rangers, die durch den sukzessiven Abzug der Army aus Mainz nach und nach ihre Grundlage verloren, einige Spieler ab. Frank Helleken, der die Gründungsphase wegen seines Wehrdienstes verpasst hatte, schloss sich nach wenigen Wochen den Athletics an. Bill Dickman (als Spielertrainer), Rick Serrano und tatsächlich Martin und Peter Wermuth folgten schon zur Saison 1991.

Die German-American League brach in jenen Tagen ohnehin endgültig zusammen. Durch den Zweiten Golfkrieg, der mit der irakischen Annexion Kuwaits am August 1990 begonnen hatte, wurden die US-Truppen am Persischen Golf dringender gebraucht als in Deutschland. Das Gelände und der Sportplatz an der Sandflora wurden bald endgültig für die Athletics frei. cka / Fotos: cka, Mainz Athletics

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