Im Turnierheft der diesjährigen Deutschen Meisterschaft vom U12-Baseball stand über Titelverteidiger Mainz schon vorab: »Von der Meistermannschaft des vergangenen Jahres sind nur noch wenige Spieler mit dabei.« Faktisch ist das richtig. Acht Mainzer Talente sind aus dem Team herausgewachsen.
Aber was zwischen den Zeilen da mit-vermittelt wird, die gestutzte Erwartungshaltung, hätte zumindest im Mainzer Team niemand von den Spielern unterschrieben. Im Gegenteil.
Auch Mainzer Coach Nici Weichert fuhr mit dem Bewusstsein nach Regensburg, das Finale erreichen zu können. »Wir hatten viele gute Pitcher dabei. Die Frage war nur: Wie nutzen wir diese Tiefe taktisch am besten? Darüber haben wir uns viele Gedanken gemacht.«

Auftakt: Erster Spieltag

Im ersten Spiel geht es für Mainz direkt gegen den Gastgeber Regensburg.
Reilly Sullivan ist in dieser DM, wie auch in den zwei Jahren zuvor, Teil des Mainzer Coaches-Team und steht an der ersten Base. Schon direkt zum Start des Turniers erlebt er die jungen Athletics kämpferisch. »Die waren alle heiß, alle aggressiv, die wollten, haben sich genommen, geholt und gemacht. Da war wenig, wozu man sie drängen musste.«

Im ersten Spiel eröffnet Bo Kipphan als Pitcher und macht den ersten Schlagmann an der Eins aus, unaufgeregt und souverän. Ein gutes Play, um den Ton zu setzen.
Der zweite Batter kann allerdings einen Double schlagen und stealt auf die Drei. Bo wirft ein Strikeout, aber das dritte Aus klappt nicht sofort, der Runner scort.
Damit Bo auch am Folgetag nochmal pitchen kann, muss er nach fünf »batters faced« schon abgelöst werden. Leonard Wagner pitcht weiter und Mainz macht das dritte Aus an der zweiten Base.

Als Lead-Off für Mainz schlägt Bo einen Double und kommt anschließend auf einen weiten Schlag von Luan Wermuth nach Hause: Ausgleich. Mit 1:1 geht es ins zweite Inning.

Luan übernimmt das Pitchen bei zwei Aus und zwei Regensburgern auf Base, die es auch nach Hause schaffen.
Mit 1:3 kommt Mainz wieder an den Schlag und kann erneut ausgleichen, auch diesmal auf einen Schlag von Luan, dessen Ball am Shortstop vorbeikommt.
Julius Krebber kommt an den Schlag. Auf einen Wild Pitch kann Luan stealen und Mainz geht in Führung – 4:3! Julius kommt danach ebenfalls auf Base, stiehlt sich bis an die Drei, Reid Sexton steht hinter ihm auf der Zwei. Aber bevor sie nach Hause kommen, macht Regensburg das dritte Aus.

Im dritten Inning dann erstmal ein großer Schreck: Jameson Justen, der Catcher von Mainz, bekommt den Schläger an den Ellenbogen, es gibt eine Spielunterbrechung, Sanitäter auf dem Platz.
Julius wird danach Catcher, Reid löst Luan als Pitcher ab – und Mainz lässt keinen weiteren Punkt in dieser Inninghälfte zu.
Am Schlag ist für die Athletics jetzt Lennart Nitz an der Reihe. Er liefert direkt auf den ersten Pitch einen Base-Hit ab, genauso wie Nazarii Yuziuk, der ihm folgt – wobei Lennart dabei Aus geht, so dass er auf den darauffolgenden Double von Moritz Ober leider nicht punktet.
Mainz loaded unbeirrt die Bases und bringt dann auf einen Walk den ersten weiteren Run nach Hause. Nach wie vor sind alles Bases belegt, als Julius an den Schlag kommt – und den Ball über den Zaun schlägt. Grand Slam! Spielstand: 9:3.

Im vierten Inning bringt Regensburg nochmal zwei Runner nach Hause, bevor Mainz wieder an den Schlag kommt. Mikka Brauch bekommt einen Lead-Off-Walk, doch danach gelingen Regensburg drei sehr schnelle Aus.

Mit 9:5 beginnt das fünfte, letzte Inning, Kai Morales Weggeman steht für Mainz als Pitcher auf dem Feld – Jahrgang 2017. Kai ist auf dem Baseballplatz aufgewachsen, war schon unzählige Male Zuschauer, während sein älterer Bruder gepitcht hat, auch auf höchstem Niveau. Der Bewegungsablauf der beiden: fast identisch. Kai ist dabei eben nur 8 Jahre alt. 
Regensburg bringt jetzt nochmal Runner auf Base und einen auch nach Hause, weil Mainz sich bei einer 1-3-Defense dafür entscheidet, den Steal an die Zwei in ein Aus umzumünzen und einen Run dafür in Kauf nimmt. Es steht 9:6.
Direkt danach kann Reid (First Base) im Foul-Territory einen Pop-up fangen. Das dritte Aus, das jetzt direkt den Sieg besiegeln würde, klappt danach allerdings nicht sofort und Weichert entscheidet sich für einen Visit im Pitcher’s Circle. Er sagt offensichtlich das Richtige: Kais nächster Pitch sitzt. Der Ball fliegt hoch in die Luft Richtung Second Base und wird dort von Bo gefangen. Mainz gewinnt das erste Gruppenspiel!
Beim Abklatschen danach ist Jameson schon wieder mit dabei, ein Verband am Ellenbogen, aber ohne ernsthafte Verletzung.

Das zweite Gruppenspiel, gegen die Darmstadt Whippets, verläuft nicht einfach, aber Mainz kämpft auch hier, holt einen Rückstand auf und geht dann deutlich in Führung. Endstand: 12 zu 5.

Reihe hinten: Coach Nici Weichert, Coach Nick Mosier, Reid Sexton, Cos Gomez Perez, Jameson Justen, Moritz Ober, Leonard Wagner, Luan Wermuth, Nazarii Yuziuk, Lennart Nitz, Coach Reilly Sullivan
Reihe vorne: Simon Wirtz, Julius Krebber, Henri Müller, Mikka Brauch, Kai Morales Weggemann, Bo Kipphan



Zweiter Spieltag

Im letzten Gruppenspiel steht Mainz Paderborn gegenüber.
Die Coaches wissen mit Blick auf den bisherigen Turnierverlauf und die parallel stattfindende Begegnung Darmstadt/Regensburg, dass sie dieses Spiel gewinnen müssen – oder aber, wenn sie verlieren, mit maximal 3 Runs Differenz. Wieder ist vor allem die Pitcher-Frage taktisch essentiell, Weichert, Sullivan und Nick Mosier, der dritte Coach im Bunde, gehen am Vorabend sehr intensiv alle Eventualitäten durch und schicken am nächsten Morgen ihre stärksten Pitcher ins Feld.

»Das war eins der besten, wenn nicht das beste Schülerspiel, das ich jemals gesehen habe«, sagt Sullivan später. Paderborn ist insgesamt stark und schwer zu schlagen. Aber die Mainzer werfen sich genauso wie zuvor mit »Kämpferherz« in dieses Spiel. »Die haben einfach richtig guten Baseball gespielt, mitunter gegen die besten Spieler von ganz Deutschland!«
Das zu erleben ist gerade für Sullivan etwas Besonderes: Die meisten Spieler aus dem neuen Mainzer Kader hat er schon im Bambini-Alter gecoacht. »Zu sehen, wie diese Kinder jetzt auf dem Feld der Deutschen Meisterschaft stehen und riesige Spiele spielen…! Dass die da an der Platte standen, gegen die besten Pitcher, dass die da draufgehauen haben und denen allen einen Kampf gegeben haben…! Ich bin so stolz auf diese Kinder!«

Zu keinem Zeitpunkt schafft es Paderborn, einen Vorsprung auszubauen, von Inning zu Inning bleibt immer wieder alles offen. Erst ganz zum Schluss können sich die Untouchables um einen Run den Sieg holen (3:4) und damit den ersten Tabellenplatz.
Nur ein Run Differenz also. Die Strategie der Coaches ist aufgegangen und Mainz kommt als Gruppen-Zweiter weiter.

Halbfinale

Im Halbfinale spielt Mainz gegen Stuttgart. Die Reds haben bis hierher jedes Spiel im Turnier gewonnen, auch gegen Turnier-Favorit Gauting.
Doch die Athletics lassen sich nicht einschüchtern, kommen wie gehabt an die Platte, um zu schlagen, um sich alles zu holen, was geht. »Das war einfach ein Kämpfer-Team«, kann Sullivan nur wiederholen. Auch mit dem Vortag in den Knochen gilt das.
Das Spiel geht 6:2 für Mainz aus. 

Finale gegen Gauting

Nun steht der junge Mainzer Kader tatsächlich wieder im Finale der Deutschen Meisterschaft.
Zu Beginn der Saison hätten die Coaches das nicht erwartet. Aber über die letzen Monate ist viel passiert. Einfach war das nicht, findet Weichert. »Wir hatten manchmal 26 Kinder im Training und wollen natürlich immer allen gerecht werden. Das ist schon eine Herausforderung.« Nur weil mehrere Trainer regelmäßig ausgeholfen haben, war es möglich, die Kinder oft aufzuteilen und unter anderem auch viel Pitcher-Catcher-Training anzubieten, für das auch diese Saison vor allem Nick Mosier zuständig war.
»Aber wir haben nur die Rahmenbedingungen gesetzt«, sagt Weichert und lobt die Spieler, die regelmäßig zum Training kamen und über die Saison große Schritte nach vorne gemacht haben. »Das war ein langer Prozess… die Kinder haben das gut gemacht!« 

Sonntag 16:30 Uhr also: Finale der Deutschen Meisterschaft U12 im Baseball.
Ein leerer Platz, Verwunderung, weil die Uhr tickt und nichts passiert.
Die Zeremonie, die man sonst kennt, muss man sich diesmal vorstellen, das Besondere innerlich heraufbeschwören.

Mainz startet in der Offensive. Julius schlägt einen Double, kommt anschließend durch einen Base-Hit von Reid an die Drei. Trotzdem können die Athletics im ersten Inning noch nicht punkten.
Nach dem Wechsel eröffnet Reid als Pitcher mit einem Strikeout. Die nächsten zwei Aus sind schnell und souverän gemacht und mit 0:0 beginnt das zweite Inning.
Wieder bekommen die Athletics zwei Runner auf Base, aber keinen nach Hause.
Gauting kann im Anschluss den ersten Punkt machen, bei nur einem Aus und einem weiteren Runner auf Base. Ein Visit von Weichert im Pitcher’s Circle zahlt sich wieder sofort aus: Reid wirft direkt hintereinander zwei Strikeouts. 

Im dritten Inning trifft Luan, als Erster am Schlag, satt. Der Ball fliegt weit ins Leftfield, wo er allerdings mit einem spektakulären Diving Catch weggefangen wird. Auch der zweite Mainzer Ball wird gefangen – im Foul Territory. Aber Reid schlägt an den Zaun, läuft bis an die zweite Base, stiehlt sich danach an die Drei und anschließend aggressiv nach Hause: Ausgleich!
Gauting erarbeitet sich allerdings in der darauffolgenden Inninghälfte einen weiteren Run und geht knapp in Führung (1:2).

Im vierten Inning kommt Leonard Wagner per Walk auf Base und auf einen Schlag von Bo an die Zwei. Wieder wird Luans Schlag im Outfield weggefangen – und Leonard kann nicht scoren.
Nach wie vor steht es 1:2.
Aber auch Mainz kann fangen. Der erste Batter von Gauting schlägt ins Right Field: Flyout. Reid liefert danach zwei Strikeouts. Wechsel ohne eine Veränderung im Punktestand.

Jetzt muss Mainz punkten. Julius beginnt mit einem Base-Hit. Nach einem Aus kommt Jameson an den Schlag – und trifft genau über den First-Base-Man hinweg ins Outfield: Ein Double für ihn, ein Punkt für Mainz, als Julius über die Platte rast und damit ausgleicht. Am Feldrand bricht Jubel aus.
Vicky Morales Weggeman, Nachwuchsmanagerin bei den Mainz Athletics, spricht nach dem Wochenende selig von der Stimmung während den Spielen. Es sei »einfach schön« gewesen. Aber natürlich auch spannend. Manche Eltern hätten komplette Spiele lang nicht ausgehalten, zu sitzen und standen stattdessen durchweg gebannt am Feldrand. Kein Wunder: Unabhängig von individuellen Erwartungen habe es sich bei diesem Turnierverlauf, bei diesem Finale, angefühlt, »als hätte man die Goldmedaille schon fast in der Hand.«
Aber Gauting kommt jetzt in der unteren Hälfte des fünften Innings bei einem Stand von 2:2 an den Schlag. Nur ein einziger Punkt trennt diese starke Mannschaft vom Sieg.

Im Pitcher’s Circle übernimmt noch Bo von Reid, der seine Sache sehr gut gemacht hat. Doch Gauting schafft den Run und gewinnt die Deutsche Meisterschaft mit 2:3.


Silber für Mainz

»Klar hätten wir gerne gewonnen«, sagt Weichert abschließend. »Aber unsere Platzierung war ein Erfolg, das war keine Enttäuschung! Die Kinder können stolz auf sich sein.«
Über das kommende Jahr möchte er keine Prophezeiung abgeben. »Es gehen wieder mehrere Spieler aus dem diesjährigen Kader weiter, in die Jugend. Das ist nunmal so im Nachwuchs.«
Sullivan freut sich trotzdem schon auf die nächste DM: Die 2016er, die er jetzt schon so lange begleitet, sind dann nochmal älter, nochmal stärker – und werden auf jeden Fall wieder angreifen wollen.

Unter dem Coaches-Team Weichert/Sullivan/Mosier waren die Mainzer dann jetzt drei Mal in Folge im Finale der Deutschen Meisterschaft U12. Das spricht für sich. Vicky Morales Weggeman ist als Nachwuchsmanagerin sowieso zuversichtlich: Sie sieht Entwicklungen, die schon vor weit mehr als drei Jahren angefangen haben, sieht dasselbe in den Trainern wie in denen, die von ihnen trainiert wurden. Nicht nur die sichtbare Leistung geht daraus hervor, sondern auch das, was den Mainz Athletics ihr unverwechselbares Profil gibt.
Die Erfahrung der diesjährigen Schüler-DM steht auf jeden Fall komplett im Einklang damit.

Herzlichen Glückwunsch an das ganze Schüler-DM-Team und ihre Coaches zum zweiten Platz in der diesjährigen Deutschen Meisterschaft U12!

Text: Felicitas Pommerening